Die Bibel

Wo Menschen aufeinander hören und miteinander reden und sich Geschichten und Erlebnisse erzählen, gelingt das Zusammenleben besser. Am Anfang steht das gesprochene Wort.

Das gilt auch für die Entstehung der Bibel. Erst im Laufe der Zeit werden die mündlichen Überlieferungen schriftlich festgehalten: im Alten oder Ersten Testament z. B. die Erzählungen um Abraham, Isaak, Jakob und Josef; oder die Ereignisse um Mose und die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, die wechselvolle Geschichte der Könige Israels und Judas; dann die mal kritischen, mal ermutigenden Worte der Propheten, und auch Lieder (Psalmen) und Weisheitssprüche.


Und im Neuen oder Zweiten Testament ist es genauso: am Anfang stehen die Worte und Taten Jesu. In Reden und Gleichnissen verkündet er, wie nahe Gott der Welt ist, wie nahe er denen ist, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen. Sein heilendes Wirken macht neugierig und zieht die Massen an. Es kommt zum Konflikt mit den Schriftgelehrten, den religiösen Verantwortungsträgern. Sie liefern Jesus der römischen Besatzungsmacht aus, die ihn am Kreuz hinrichten lässt.


Aber die Geschichte Jesu geht weiter: Gott auferweckt ihn vom Tode. Was Jesus begonnen hat, lässt sich nicht festnageln am Kreuz und wegsperren im Grab. Jesus lebt  und will von Todesmächten aller Art befreien. Die Kraft des Heiligen Geistes erfasst seine Jünger. Erste Gemeinden werden gegründet. In ihnen sind die Worte und Geschichten um Jesus lebendig und massgebend. Im Laufe der Zeit werden sie aufgeschrieben: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählen, aus je anderer Perspektive, über Leben und Wirken Jesu. So entstehen die Evangelien. Zusammen mit den Briefen, besonders von Paulus, bilden sie den wesentlichen Teil des Neuen Testaments.


Für den christlichen Glauben sind Altes und Neues Testament grundlegend
. Trotzdem ist der christliche Glaube keine Buchstabenreligion. Die biblischen Texte sind keine zeitlosen Verlautbarungen Gottes, sondern menschliche Zeugnisse. Diese reden von der Wirklichkeit Gottes in der Sprache, in den Bildern, in den Denkformen und Erfahrungsweisen  der Verfasser. Lesen wir in der Bibel, müssen wir mindestens nach zwei Seiten hin hören und fragen. Erstens: was sagte der Text damals? Was für politische, religiöse, kulturelle, ökonomische Verhältnisse herrschten damals?  Und zweitens: was kann der Text heute in eine bestimmte Situation hinein sagen?


Es ist spannend, in der Bibel zu lesen, aber auch anspruchsvoll. Die Buchstaben und Wörter sind wichtig, aber durch sie hindurch sollen wir den Geist, die Kraft, die Wirklichkeit Gottes wahrnehmen. Bleiben wir am Buchstaben hängen, verpassen wir möglicherweise den Geist; nehmen wir den Buchstaben nicht ernst, verfallen wir den eigenen Phantasiegebilden. Eine verantwortliche Auslegung der Bibel gehört deshalb zu den wichtigen Aufgaben aller Christen.


Wer die Bibel mit offenen Sinnen für sich persönlich oder in einer Gruppe liest, bleibt sicher nicht ohne Gewinn. Was Menschen in Jahrtausenden bewegt, ergriffen, erschreckt und getröstet hat, kann auch uns beim Bibellesen immer wieder überraschen: die souveräne Liebe Gottes, die sich keinen von uns gesetzten Bedingungen unterwirft.

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