Stille

Die Stille ist nicht auf den Gipfeln der Berge und der Lärm nicht auf den Marktplätzen der Welt: beides ist im Herzen der Menschen.“  Dieses indische Sprichwort klingt überraschend. Es macht die Stille nicht abhängig vom Geräuschpegel der Umgebung. Die Stille ist vielmehr ein Raum in uns, in den das Getöse der Welt nicht eindringen kann. Die Frage ist nur: wie finden wir Zugang zu diesem inneren Raum, wo wir ganz uns selber sein können? Die Wege dorthin sind zahlreich. Je nach Lebenssituation und persönlichem Naturell werden wir wieder andere Methoden bevorzugen, um einen Ausgleich zu Lärm und Stress des Alltags zu schaffen:

· Viele Menschen finden in einer passenden Sportart, einem geliebten Hobby, einer ausgedehnten Bergwanderung, einem stillen Waldspaziergang, beim Musikhören oder Anschauen eines Lieblingsfilms, beim Zusammensein mit guten Freunden usw. wieder zu sich selber. Bereits ein gutes Gespräch, ein phantastisches Naturerlebnis oder intensive sportliche Betätigung kann uns in Berührung bringen mit jener stillen Kraft, die unser Leben trägt.

· Andere wählen den Weg der Meditation, um den Zugang zum inneren Raum der Stille bewusst frei zu machen. Die Formen der Meditation sind sehr zahlreich und unterschiedlich. Aber alle wollen dem Übenden helfen, die eigene Mitte zu finden. Vieles kann da gelernt werden: ruhig hinsitzen, auf den Atem achten, auf die Verspannungen im Leib. Noch schwieriger ist es, das Karussell der Gedanken wahrzunehmen und allmählich anzuhalten. Gelingt es, wächst die innere Stille. Am Ende kommt es darauf an, ganz gegenwärtig zu sein, eins mit sich und der Welt. Der gewöhnliche Alltag wird dann zur Übung: was wir in der Stille erfahren, soll unser alltägliches Tun und Lassen durchweben.

 

· Der christliche Weg in die Stille ist dialogisch: wir finden uns selber, indem wir uns in Gott finden. Wir müssen uns nicht selber suchen. Wir dürfen damit rechnen, dass wir schon gefunden sind. Wie immer es uns im Augenblick geht, da ist schon jenes Umfassendere, das uns sieht, da ist schon der lebendige Gott, der um uns weiss, sogar besser als wir selber. Stille finden wir also, indem wir den Glauben einüben. Stille breitet sich aus, wo wir vertrauen lernen in den allgegenwärtigen Gott. Er ist nicht nur fern und jenseits unserer Erfahrung, Gott ist uns zugleich näher als wir uns selber sind: „In ihm leben, weben und sind wir.“ (Apostelgeschichte 17.28)

 

Das Wort „Stille“ kommt von „stellen“. Wer dem Lärm und der Hektik des Alltages entfliehen will, soll sich gelegentlich ruhig hinstellen und so festen Stand finden. Nach dem Evangelium sind Jesu Worte dieses Fundament, das uns Halt und Orientierung gibt. Auf diese Worte hören, sie meditieren, schenkt Kraft und hilft uns, den Alltag zu bestehen. Denn Stille und Tätigkeit bedingen einander, Meditation und Aktion gehören zusammen.


Und immer kommt es darauf an, zu merken, wann das Tun und wann das Lassen dran ist. Lukas hat dazu die wunderbar bedenkenswerte Geschichte von Maria und Martha überliefert. (10.38-42) Martha hat alle Hände voll zu tun, um Jesus und seine Jünger zu bewirten. Maria sitzt still zu den Füssen Jesu und hört auf seine Worte. Martha beschwert sich, weil Maria nicht hilft. Jesus nimmt Maria in Schutz. Denn es gibt Gelegenheiten, die man nicht auslassen darf. Und zu diesen gehört nun einmal die Stille, die uns hilft, auf Jesu Wort zu hören. Und das achtsame Hören wiederum macht uns auf eine tiefe Weise still.

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