Tömy Gyger bei der Arbeit in der «FlickStatt» im evangelischen Kirchgemeindehaus in Neukirch-Egnach: Defekte Dinge erhalten ein «zweites Leben».
Tömy Gyger bei der Arbeit in der «FlickStatt» im evangelischen Kirchgemeindehaus in Neukirch-Egnach: Defekte Dinge erhalten ein «zweites Leben».
Tömy Gyger von der «FlickStatt» Egnach gab in einem Gespräch einen Einblick in das Reparatur-Angebot, das von Freiwilligen zweimal im Jahr angeboten wird. Nach dem Gottesdienst stand das «FlickStatt»-Team im Kirchgemeindehaus bereit und begutachtete und reparierte Haushaltgeräte, Einrichtungsgegenstände und Kleider.
Frau «verschwendet» kostbares Öl
In ihrer Predigt zum Wert der Dinge nahm die katholische Theologin Gaby Zimmermann Bezug auf die Begegnung von Jesus mit einer Frau kurz vor seiner Gefangennahme durch die römischen Soldaten und seinen Tod am Kreuz. Jesus sitzt mit seinen Gefährten beim Essen. Da kommt eine Frau herein, in der Hand ein Alabastergefäss voll echten, kostbaren Nardenöls. Sie zerbricht das Gefäss und giesst Jesus das Öl über den Kopf. «Verschwendung», sagen einige der Gefährten. Das Geld, das dieses kostbare Öl gekostet hat, hätte man den Armen geben können. Jesus verteidigt die Frau. Wo immer man seine Geschichte erzählen werde, werde man sich auch an sie und ihre Tat erinnern: «Sie hat ein gutes Werk an mir getan, sie hat meinen Leib gesalbt für mein Begräbnis.» Jesus habe die menschlichen Beziehungen im Blick gehabt, die durch tote Dinge entstehen könnten. Im täglichen Leben sei es hilfreich und bereichernd, zu fragen, ob die Dinge, die wir besitzen, dabei helfen könnten, die menschlichen Beziehungen zu verbessern und sorgsam mit der Schöpfung umzugehen. Das – so Gaby Zimmermann – habe sie erlebt, als ihre Kirchgemeinde in Romanshorn ein Tauschmobil aufgestellt habe: «Die Menschen haben Dinge gebracht und geholt und es sind rund um die toten Dinge Beziehungen und Gespräche entstanden.»
Dass die Bibel zum verschwenderischen Umgang mit Dingen ermuntere, sei eher ungewöhnlich. Mit dem Einzug in das gelobte Land Israel sei das Gottesvolk gewarnt worden, nicht zu vergessen, dass das Land und die Dinge ein Geschenk Gottes seien, mit dem sie gerecht umzugehen hätten. Im Neuen Testament wird davor gewarnt, sein Herz an den Besitz von vielen Dingen und an Prunk und Reichtum zu hängen. So könnten die Dinge zur Last werden.
Produktion und Entsorgung hinterfragen
Zimmermann ermutigte zu einem verantwortungsvollen und bewussten Umgang mit den Dingen, die man für das tägliche Leben braucht. Dazu gehöre es auch, dass man sich die Frage stelle, ob die Menschen, die die Dinge herstellen von ihrer Arbeit menschenwürdig leben könnten und ob die Dinge – wenn sie nicht mehr gebraucht würden – nicht als gesundheitsgefährdender Abfall in ärmeren Ländern landeten, statt sachgerecht entsorgt zu werden.
«FlickStatt»-Team ist ein Vorbild
Im Gottesdienst bekam die Egnacher Ortspfarrerin Simone Dors die Frage gestellt, was die «FlickStatt» mit dem Gottesdienst und der Schöpfungszeit zu tun habe. Mit ihrer Antwort schlug sie eine Brücke: «Wenn Dinge repariert werden und quasi ein zweites Leben bekommen, werden die Ressourcen dieser Erde geschont und das «FlickStatt»-Team gibt uns allen ein Beispiel, wie wir mit den Dingen, die uns anvertraut sind, verantwortungsvoller umgehen können.» Irgendwann landen die meisten Dinge, mit denen sich die Menschen in ihrem Leben umgeben, im Abfall. Gebrauchte und defekte Alltagsgegenstände können ein «zweites Leben» erhalten, wenn sie gut erhalten, weitergegeben oder repariert werden. Der Arbeitsgruppe Schöpfungszeit, die den Schöpfungszeit-Gottesdienst zum Thema «Wertvoll leben – der Mehrwert der Dinge» mitgestaltete, ist es ein Anliegen, dass den Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern auch Anstösse für konkretes Handeln gegeben werden.
Aus dem Workshop «Egnach 2030» entstanden
Die «FlickStatt» ist ein Projekt, das 2019 aus dem Workshop «Egnach 2030» entstanden ist. Die Gemeinde Egnach hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität für alle Generationen zu fördern und neue, zukunftsfähige Ideen umzusetzen. Zum Thema «Begegnung und Austausch» sind mit dem Leitsatz «Flicken statt Wegwerfen» verschiedene Aktivitäten und Angebote entstanden. Neben der «FlickStatt» gibt es drei weitere Angebote: Bring- und Hol-Bücher, Spielenachmittag und Bring- und Hol-Tag. Sie werden alle von Freiwilligen aus der Gemeinde getragen. Für das Angebot erhält das Team der «FlickStatt» durchwegs positive Rückmeldungen. Tömy Gyger beschreibt das so: «Die Besucherinnen und Besucher können beim Reparieren mithelfen und zuschauen und sehen, wie wenig es oft braucht, damit etwas wieder funktioniert. Auch wenn wir bei der Begutachtung feststellen, dass nichts mehr zu machen ist, sind die Menschen dankbar, weil sie den Gegenstand dann mit gutem Gewissen entsorgen können.» Gefragt nach seiner Motivation, bei der «FlickStatt» mitzumachen, erklärt Tömy Giger: «Freude am Organisieren und etwas bewegen, meine Fähigkeiten einbringen, die ich als Handwerker und in der Pfadi gelernt habe und der Gesellschaft etwas zurückgeben.»