Der Präsidentin des Kirchenrates der Evangelischen Landeskirche Thurgau, Christina Aus der Au, blieb es vorbehalten, vor rund 80 Gekommenen eine Auslegeordnung zur Stellung des Islams in der schweizerischen Gesellschaft zu machen – und dabei mögliche Wege des Miteinanders von Islam und Christentum aufzuzeigen. Dabei vertrat Aus der Au die Ansicht, dass, gerade auch wegen den bestehenden Gegensätzen ein ständiger Dialog zielführend sei, denn «einen Dialog führt man mit einem konkreten Gegenüber und nicht mit «dem Islam» und kann dabei differenzieren». Matthias Loretan, Präsident der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft im Kanton Thurgau, zeigte anhand des islamischen Religionsunterrichts (IRU) im Thurgau auf, wie schwer es für ein Pionierprojekt sein könne, eine breite Akzeptanz und politische Legitimität zu erhalten. Insbesondere freikirchliche und politisch rechte Kreise, arbeiteten auf die Abschaffung des IRU hin. Loretan warb für Akzeptanz. Denn das Potenzial des IRU läge gerade darin, dass interreligiöses Lernen Vorurteile abbauen und neue Formen des Zusammenlebens fördern könne.
Muslima und Mitte-Politikerin: «Die Nächstenliebe ist am wichtigsten»
Wie dies gehen kann, bewies im Podium die junge Mitte-Politikerin Dilara Avsari. Die Muslima erklärte, dass es überhaupt kein Widerspruch sei, dass sie für eine ehemals katholische Volkspartei für den Kantonsrat kandidiere. Im Gegenteil: Sie sei als Feministin der lebende Beweis dafür, dass der Islam sich anpassen könne. «Für mich war es wichtig, in einer Partei zu sein, wo man miteinander arbeitet, solidarisch ist und Verantwortung übernimmt. Denn von allen Werten, für die meine Religion steht, ist mir die Nächstenliebe am wichtigsten», so die Weinfelderin.
Auch der Kreuzlinger Iman Rehan Neziri sieht die Moslems in der Schweiz auf einem guten Weg. Dennoch litten viele Moslems darunter, dass ihre Religion oft nur durch negative Ereignisse den Weg ins kollektive öffentliche Bewusstsein fände. Dabei gehe vergessen, dass praktisch alle Moslems hierzulande, beispielsweise den «islamistischen Terror» ablehnten. Ja, dieser habe gar nichts mit dem Islam zu tun. «Nicht der Islam ist die Motivation dafür, dass sich junge Menschen dem IS anschliessen, sondern sich streitende Familien, getrennte Eltern, schlechte schulische Leistungen und wenig Chancen auf einen Beruf. In einer solchen Situation befinden sich viele Junge, wenn die Ideologen sie fälschlicherweise im Namen des Islams fischen», so Rehan Neziri.
EDU-Wittwer: Entradikalisierung funktioniert nicht
Ungeachtet dieser Aussagen zeigte sich EDU-Kantonsrat Marcel Wittwer skeptisch, dass sich der Islam in der Schweiz problemlos integrieren lasse – denn dieser sei mit den jüdisch-christlichen Werten nicht vereinbar. «In der Bibel gibt es eine klare Trennung zwischen der geistlichen und der politischen Gewalt. Im Islam gibt es keine Gewaltentrennung. Da ist alles vereint in Allah», erklärte Wittwer. Was er bis anhin gehört habe, sei «schönfärberisch», er selbst gegen eine öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams. «Man hat das Gefühl, den Islam damit zu entradikalisieren. Aber das hat nicht funktioniert – wie man beispielsweise auch in Deutschland sieht», warnte Wittwer.
Schönholzer: Islam kann keine Landeskirche sein
Der Thurgauer Regierungsrat Walter Schönholzer differenzierte. Er erklärte, dass er zwar den Koran nicht kenne, im Alltag – bis hin auf Regierungsratsebene – jedoch sehr gute, bereichernde Erfahrungen mit Menschen islamischen Glaubens gemacht habe. Denn «sobald wir miteinander reden, lernt man den Menschen kennen und nicht nur ein Klischee.» Kritisch beurteilte Schönholzer die Frage, ob dem Islam in der Schweiz irgendwann den Status einer Landeskirche zuerkannt werden sollte. «Der islamische Glaube kann in der Schweiz keine Landeskirche sein, denn die Verfassung unseres Landes fusst auf den christlichen Werten. Ich habe jedoch keine Probleme damit, in den Austausch, in den Dialog zu gehen», so Walter Schönholzer.